Der neue Mann

„Okay, und was ist dann der .. ehm… alte Mann?“, fragte mich Sille mit Erdbeer-Sahne im Mund.
„Na ja, das weiß ich noch nicht. Vielleicht müssen wir das rausfinden. Is‘ ja keine Zeit besser dazu, als jetzt, wo wir Singles sind und alles dürfen.“

Das hatte ich so leicht gesagt am Telefon. An meinem Kuli kauend und mich wie eine junge Psychologie-Studentin fühlend. Zeit für Experimente. Dumm nur, dass mit mir selbst.

Okay, ich sag Ihnen was: ich bin 37, war mit allem Möglichen im Bett, was Beine hat und versuche daraus ein Fazit zu ziehen. Wo stehe ich, was will ich, mit wem, wie und wann. Okay, das Wann ist einfach. Jetzt ist das neue Wann. Aber alles andere macht mir so großes Kopfzerbrechen, dass ich kaum in der Lage bin, an alltägliche Dinge wie Käse und Brot zu denken.

Ich habe alles probiert. Alte Männer, junge Männer. Weibliche Frauen, männliche Frauen und immer und immer wieder muss ich etwas feststellen, das einfach nicht mehr geht: das immer nur kursierende Phantom-Bild dieser echten Männlichkeit. Glauben Sie mir, da gibt’s fast keinen Unterschied. Ob ich mit einem Typ ins Bett gehe oder mit einer maskulinen Frau: sie haben beide die gleichen Komplexe. Und ich werde wahnsinnig, weil ich finde, beide sollten gar keine Komplexe haben.
„War’s schön? War’s zu schnell? Zu langsam? Habe ich zu viele Haare? Zu wenig Muskeln? Bin ich fest genug? Findest Du meinen Arsch knackig?…“ hin zu „Ja, sowas wie mich musst Du erstmal wieder finden! Krieg‘ ich einen Kuss fürs Regal-Aufbauen? Nein, ich will keinen Stadtplan! Lass mich fahren / tanken / xy machen. Könntest Du Dir die Haare von den Beinen wegmachen?“

Im November traf ich Max auf einer Party von Sille. Silles 35ster, groß und deftig. Max war blass, dünn, dafür groß und Vegetarier. Max sah ein wenig aus wie ein Designer, war aber in Wirklichkeit RoR-Programmierer. Vergessen Sie das RoR, das ist ein winziges Detail. Er war ein Freak. Einer, der mit seinen Spinnenfingern zärtlich (!) über die Tastatur fährt und dabei auf mysteriöse Art Dinge kreiert, die Sie und ich dann im Alltag benutzen. Z.B. bei der Anmeldung auf einem Dating-Portal. Max kann so ein Portal bauen. Egal wo, ob im Browser oder auf dem Handy: Max‘ kann das, ist ihm völlig Schnurz. Und ich glaube, völlig Schnurz sind ihm auch Frauen. Na ja, und Männer auch. Und alles andere, was wie ein von der Natur erschaffenes Wesen aussieht.
Spielt aber keine Rolle, denn seinem zweiten Hirn, einen halben Meter tiefer, ist nicht alles so egal. Das merkte ich auf der Party. Ich stellte mich mit einem Weinglas zu Max, versuchte ihn durch seine Brillengläser zu sehen und fragte: „Und, welche Verbindung hast Du so zu Sille?“
Max wurde rot. Aber so rot, dass ich ebenfalls rot und heiß wurde, weil ich ihm offensichtlich eine unglaublich peinliche Frage gestellt hatte. Max hustete, trank einen Schluck Bier, hustete dann richtig, weil er sich verschluckt hatte – ich wollte einfach nur weg – und besann sich dann mit tränenden Augen und einer kaum hörbaren Stimme zu sagen:
„Achim“
„Aha, Achim“, ich nippte am Weinglas, „ehm, und wer is‘ Achim?“
Na, und da fing Max plötzlich an zu sprechen. Laut und viel. Achim hier, Achim da. Ich dachte schon, er wäre völlig verknallt in Achim, als ich plötzlich in seinem Wortmeer das kleine Schiffchen „mein jüngerer Bruder“ auf- und niederschwappen hörte. Max hat also einen jüngeren Bruder? Wie alt soll der sein, 3? Max sah nämlich im Gesicht aus wie 12, war dafür aber 1,93. Mein Genick wurde steif und ich fragte ihn, ob wir sitzen könnten.
Wir saßen. Max ging auf, ich ging zu. Bis er mir die Frage stellte, wie alt ich sei. Was ich zuerst unfreundlich, dann aber irgendwie putzig fand. Ich sagte 27. Max sagte, aha.
Drei Stunden später lag ich mit Max im Bett. Okay ja, so ein junger Kerl ist schon was Feines. Wenn auch etwas dürr, so doch aber knackig – vielleicht hatte ich keinen Bock mehr auf weiche Männerbäuche?
Die Nacht war okay, auch noch die am übernächsten Tag und auch die 4 Tage später und dann stellte Max eines morgens beim Frühstück eine Frage, die aus mir eine Alarmglocke machte:
„Ich bin gut… im Bett, oder?“
Im Moment der Frage stand ich in meiner Küchenzeile mit meinem Rücken zu ihm gekehrt und schüttete mir den Löffel Kakao übers Knie, statt über meinen Milchkaffee. Ich suchte eine Antwort. Eine Ewigkeit wanderte durch meinen Kopf und dann drehte ich mich charmant um, legte den Kopf zur Seite, nahm den Löffel in den Mund, legte einen Schlafzimmerblick auf und sagte etwas nuschelnd: „Es ist… okay.“
Max‘ Gesicht entgleiste. Ganz kurz, ein Zehntel Sekunden. Aber ich war geübt darin, genau diese Art Entgleisung zu fürchten und wahrzunehmen und dann wurde mir klar, dass meine Antwort den Sack nicht schloss, sondern eine Verfeinerung der vorherigen Frage mit sich bringen wird.
„Warst Du auch schon mit älteren Typen im Bett?“, fragte er dann. Dabei sah er mit einer melancholisch-leidenden Miene aus dem Fenster, bemühte sich, seinen Blick ernst in die Ferne zu bohren.
Ich wollte sagen >> Du meinst Typen älter als 12? << und sagte „Ja, klar.“ Der Fehler war, darauf überhaupt zu antworten. Nicht generell, aber Max gegenüber. Ich fühlte mich wie ein pickliges, pubertäres Mädchen, das gerade den ersten feuchten Kuss von ihrem ebenso pickligen pubertären Erst-Freund bekommen hatte und dieser – mit der Annahme, dass sie eben noch nie etwas Tolleres als ihn gesehen und geküsst hätte – fragte, ob sie was Älteres, also Tolleres als ihn geküsst hätte. Das ist doch Fishing-for-compliments! Und zwar auf eine perfide Art! Max wusste genau, ich bin gutmütig, also werde ich ihm wohl kaum sagen, dass er ne Niete ist – selbst wenn er es ist, weil er es allen voran von sich selbst denkt. Also holt er sich als Niete ein Kompliment bei jemandem, der einer Niete nur ein Kompliment geben kann. Klar, ich bin in diesem Punkt nämlich ebenfalls eine totale Niete! Zwei Nieten halten sich in Schach, aber die eine geht fröhlich weg und die andere bleibt dumm hocken und ärgert sich übers eigene Lügen. Manche halten es aus, eine Niete zu sein, andere nicht. Ich bin es, halte es aber nicht mehr lange aus. Endlich ging Max und wir sahen uns auch nie wieder. Beim Rausgehen aus der Tür hatte er wirklich den Mut noch eine letzte Frage zu stellen. Eine Frage, die mir so weh tat, weil ich mir selbst eine Falle gebaut hatte, um ihm ein besseres Gefühl zu geben. „Hast Du schon immer so beim Sex geschrien?“ Ich antwortete gar nichts. So eine Scheiße! Danach war ich den ganzen Nachmittag damit beschäftigt, diese Frage mit Post-it's an meiner Wand zu beantworten. Zur Strafe für mein Nicht-zu-mir-stehen-Können habe ich mir überlegt 100 andere Antworten darauf zu finden. Ich schaffte 69. „Ja.“ „Nein.“ „Vielleicht.“ „Wer weiß... haha!“ „Mag sein!“ „Nein, nur Du bist mein Held.“ „Ja, ich mache das immer bei Typen, die es brauchen.“ „Ja, denn es macht mich selber an.“ „Ich mache es, weil ich eine Niete bin.“ „Ich mache es, weil ich nicht ertragen kann, wenn Du eine Depression im Bett bekommst.“ „Ich mache es, weil ich wieder meine innere Stimme geknebelt hatte, die mir sagte, ich solle die Finger von Dir lassen, weil's nichts bringt.“ (2 Post-it's!) Meine Antworten wurden immer länger und länger bis ich merkte, dass ich etwas freilege, das mich eh schon die ganze Zeit annervte, aber bei Sex-Themen am meisten weh tat: ich lüge. Nicht, weil ich's toll finde. Ich lüge, damit andere sich besser fühlen. Ich tue so, als würde mich was interessieren, damit sich jemand besser fühlt. Ich tue so, als fände ich jemanden hochinteressant, damit sich die Person besser fühlt. Ich nehme wahr, wer Trost in dieser Form braucht und habe nichts besseres zu tun als wie eine Psycho-Hure durch die Gegend zu laufen und meine Mitleid bekundenden Phrasen über die Leute zu schütten in der Annahme es würde etwas besser machen und ihnen in irgend einer Form helfen.

Die Schwierigkeit ist: sie hassen es. Sie wollen es und machen mit, aber sie hassen es. Weil ich ihnen bestätigt habe, dass sie an besagter Stelle ein Defizit haben.
Ich musste Sille anrufen. Verheult teilte ich ihr meine Erkenntnis mit. Zuerst wollte sie dasselbe machen, was ich immer mache und mich trösten, mir erzählen, ich wäre doch nicht so schlimm. Ich schnauzte sie an, sie schwieg kurz und sagte „Du hast Recht. In gewisser Weise bist Du ein Arschloch. Ja. Ich mag Dich, aber es ist eine ekelhafte Eigenschaft. Am besten, Du hörst damit auf so bald es geht bevor Du davon eine juckende Krankheit bekommst.“
Wir lachten, aber ich spürte, dass Sille es ernst meinte und ich war ihr dankbar für die Ehrlichkeit.

Mit meiner neuen Strategie – bei niemandem mehr die Defizite zu kachieren – lernte ich plötzlich keine Männer mehr kennen. In jedem Gespräch, das sich anbahnte, zeigte ich offensichtlich, dass ich kein Interesse an Wasserhähnen, Computern, Brückenbau, Autos, Handys, Verschwörungstheorien über Google, FaceBook und YouTube hatte. Ich brach das Gespräch frech ab oder aber ich sagte, ich will gleich Sex (das klappte gar nicht) oder aber ich schlief ein. Offenbar hatte mein neues ehrliches Verhalten etwas anderes zu Tage gebracht: wenn ich mich nicht zusammenriss, war ich unendlich müde. Als müsse ich in einen tiefen Schlaf des Vergessens fallen, um mich wieder daran zu erinnern, was ich eigentlich wollte. Ich hatte es wohl vergessen seit ich nur noch mit den Weh-Wehchen anderer beschäftigt war – und das fing ziemlich früh an.
Irgendwie wollte ich aber Spaß und dachte mir, na gut, dann nehme ich halt Frauen. In irgendeinem MyStyle-Magazin hatte ich was von Jodie Foster und ihrer Partnerin gelesen… wie unstylisch sie wäre. Also, wenn die das können, kann ich das auch. Da dachte ich, na klar, ’ne Frau muss her!
Das ging. Es ging gut. Meine erste Frau war Nikola.
Nikola hatte wildes Haar, trug Jeans, T-Shirts in denen ich ihre Brüste wippen sah – und es von einem Tag zum anderen plötzlich erotisch fand – und schwarze Lederjacken. Sie war ziemlich weiblich – und frech. Ihre Hüften waren rund und fruchtbar, ihre Beine glatt wie Samt.
Außerdem hatte sie ein Motorrad, mit dem sie nicht angab und 2 Helme. In beiden waren keine Schuppen. Das gefiel mir. Nikola fuhr mit mir quer durch die Stadt, wir aßen in allen alternativen Restos und gingen in Clubs, wo nur Frauen zu sehen waren. Plötzlich hatte ich eine Welt entdeckt, die ich noch gar nicht kannte, die mir anscheinend verheimlicht wurde und die unglaublich aufregend war.
Nikola und ich tanzten wie reife offene Früchte, die sich an ihrem Fruchtfleisch und köstlichen Farben erfreuen. Wir konnten so lange tanzen wie trinken und so lange lustvoll küssen wie am nächsten Morgen ausschlafen.
Ich liebte ihre Weiblichkeit und knabberte leidenschaftlich an ihren Brustwarzen. Der erste Sex war aufregend und unvergleichlich. Ich hoffe, Sie wissen wie weich sich Frauenhaut anfühlt und wie zart manche Stellen an und in einem weiblichen Körper sind? Wenn nicht, haben Sie echt was verpasst. Sie berührte mich kennerisch, ich sie genießerisch, wir kamen voreinander, hintereinander und zusammen und es fühlte sich wochenlang fantastisch an. Ich lernte meinen Körper so gut kennen wie es mir vermutlich mit keinem Mann gelungen wäre und Nikola weihte mich in mir völlig unvorstellbare Techniken ein, mit denen die Lust bis zur absoluten Erschöpfung ausgekostet werden konnte.
Mit Nikola musste ich nicht viel sprechen und nicht so tun als ob. Ich war einfach so wie ich bin und sie war da, rannte nicht weg – das war auch neu. Ich konnte im Bett schreien oder nicht schreien, ich konnte nackt sein, auch mal unrasiert, ich konnte weinen und auch mal schlechte Laune haben – es war alles gleich gut.
Als ich meinen Freunden mit leuchtenden Augen von meiner neuen Bekanntschaft erzählte, fragten sie als wären sie meine Eltern: „Ach, dann bist Du jetzt also lesbisch?“
Es war die erste Frage, die ihnen einfiel. Außer Sille. Sie fragte, wie das sei. Wie sich das anfühle und ob man besser käme und ob es zärtlicher wäre. Ich sagte, ja. Sie sagte, sie müsse das probieren. Ich solle ihr sagen, wo diese ganzen Clubs seien oder sie mitnehmen.

Lesbisch? Ich hatte darüber noch gar nicht nachgedacht. Hatte ich je darüber nachgedacht, ob ich heterosexuell war? War es überhaupt etwas Nennenswertes zum Darübernachdenken? „Ich mag lieber Hunde, ich aber lieber Katzen.“ Und wenn ich beides mag, was passiert dann? Vielleicht habe ich dann mehr von der Welt gesehen und erfahren als wenn ich nur Katzen vor dem Fernseher gestreichelt hätte?

Mit der Zeit merkte ich, was >>lesbisch<< wirklich bedeutete. So wie ich es verstand, war es mehr als nur Brüste zu mögen und mit Frauen ins Bett zu gehen. Lesbischsein war eine ganze Lebensart, eine Bewegung, zum Teil auch eine Absonderung, die das Schild hochhielt „Wir brauchen keine Männer. Wir wollen keine Männer. Männer sind Kacke. Männer haben Frauen schon immer gedemütigt und verletzt. Wir akzeptieren höchstens noch schwule Männer, weil sie nicht so machohaft und patriarchaisch arrogant auf alle anderen Wesen runterschauen.“ Für mich war das zuviel. Wenn das lesbisch hieß, dann wollte ich das nicht. Es war aggressiv. ausgrenzend und ich kam mir manchmal so vor, als erwarte man von mir, mich politisch gegen Männer zu engagieren. Das ödete mich genauso an wie das Sprechen über Handys und Computer und den ganzen Jungskram. Als ich merkte, dass Nikola nach den heißen Wochen unseres ersten Sexes wieder mehr unter Ihresgleichen ging und dort eine ziemlich aktive Rolle im Kampf gegen die, wie ich fand, schon längst eingeschüchterte Männerwelt führte... da... ging ich. Es tat weh. Aber irgendwie hatte ich auch wieder Lust auf was anderes und wollte meine Freiheit auskosten. Okay, ich kannte nun das Patriarchat, ich kannte kleine Buben im Bett, ich kannte lesbische und feministische Frauen. Doch ich hatte noch nicht abgeschlossen mit den Frauenkörpern. Es war zu verlockend. Und so trieb ich mich noch einige Male in besagten Clubs rum, flirtete hier und dort und wurde eines Tages von jemandem überrascht, der aussah wie ein römischer Loveboy. Ein zartes, aber kantiges Gesicht, elegant in der Körperhaltung, markante Augen und mit einem original-Hut aus den 50er Jahren. Loveboy drückte sich in dem Club mit einem Brausebier bescheiden von einer Ecke zur anderen und sah aus als würde er Sozialstudien machen. So viel Wachheit in einem Gesicht habe ich viel zu selten gesehen. Ich dachte, es wäre ein 19-jähriger schwuler Typ und wollte meine mütterlichen Qualitäten nach langer Zeit wieder mal ausprobieren. Also ging ich hin, stellte mich daneben in die Ecke und wartete kurz. Loveboy sah mir in die Augen, mich durchfuhr was. Wow, dachte ich. So jung und fest im Blick, gleichzeitig schüchtern und wach? Was geht hier ab? Sind jetzt schwule Männer auf meiner Liste? Ich fragte „Bist Du oft hier?“ Loveboy lächelte mich warm an und sagte etwas, was ich nicht mehr hörte, weil mich die Stimme völlig überfuhr. Das war ja eine Frauenstimme! Oder wie? Mit einem Hauch von was Kratzigem, aber eindeutig eine Frauenstimme. Ich ließ meine Bierflasche fallen. Es knallte und ich wurde wieder wach. Er... sie... ehm half mir beim Aufsammeln der Scherben und wir legten ein paar Tempos in die Bierpfütze, gingen dann zum Tresen, an dem die Musik leiser war. Zwischendurch hielt mir Loveboy die Tür auf – ich fühlte mich wie eine... oh Gott. Wie eine...? Wie fühlte ich mich? Wie beworfen mit Aufmerksamkeit. Das Türaufhalten kannte ich nur von älteren Männern oder meinen Freundinnen. Junge Männer hatten diese Geste offenbar nie gekannt oder gleich abgelegt, aus Angst, der emanzipierten Frau zu nahe zu treten und sie als Dummchen darzustellen. Und dann angesehen von diesen Augen! Es kam mir vor wie Röntgenaugen. Wie wohlwollende Röntgenaugen, die tatsächlich an mir interessiert waren. Also an mir. Ich ertappte sie nicht bei einem flüchtigen Blick auf meine Brüste oder meinen Arsch oder sonstwas. Im Laufe des Abends erklärte mir Loveboi – das i wird benötigt, um sich vom Bio-Boy zu unterscheiden - in schöner Sprache, dass es für diese Art Frauen, die aussahen wie römische Schönlinge und sich kleideten wie aus einer anderen Epoche, eine Bezeichnung gab. Gentle Butch. Gentle kannte ich. Butch war neu. An sich bezeichnet es im Englischen etwas ziemlich Maskulines. Allerdings war dieser römische Liebesjüngling, der da vor mir stand, nicht in diesem Sinne maskulin, in dem ich es sonst kannte. Unter maskulin verstand ich immer dicke, wenn möglich dicht behaarte Eier, verpackt in einem breitbeinig laufenden männlichen Wesen mit riesigem, breiten Kreuz und einem Bulldozer-Hals. Ein Pfundskerl, der keinen Schmerz kennt, dessen Hände so groß sind wie Bratpfannen und dem man erst durch List zeigen muss, was Gefühle sind. Ich hatte solche öfter auf Feuerwehrfesten in meinem Heimatdorf gesehen, sie für gutmütig und durchaus liebenswert empfunden, aber keinen Draht zu ihnen gelegt. Vielleicht hatte ich schon damals diese Sehnsucht nach jemandem, der wie David war, statt wie Goliath. Ich verstand diese alten, schwulen Römer, die sich ihre Loveboys anschufen, sich an ihrer jugendlichen Haut, ihrem zarten Wesen, ihrer Unberührtheit, Frische und einer sehnigen Zerbrechlichkeit erfreuten. Etwas zartes, junges, elegantes Männliches ist mir so noch nicht untergekommen. Ich war hingerissen. Meine Freunde verstanden die Welt nicht mehr. „Ja, aber wenn sie so maskulin ist, dann kannst Du doch auch mit 'nem Mann zusammen sein! Such Dir doch einen weichen Mann. Olaf zum Beispiel... bla blub.“ Sille verstand mich und stellte die wesentlichen Fragen. „Ihr wart schon im Bett?“ - Ja! „Es ist anders als mit Nikola?“ - Ja! „Und was ist anders?“ - Hmm, es ist keine Frau. Es ist eine und gleichzeitig nicht. Es ist wie ein anderes Wesen, wie was anderes, wie eine Neudefinition, die männliche und weibliche Eigenschaften zusammen und gleichzeitig. Alles gleichzeitig. „Aha.“ Es gab eine Pause, ich glaube, Sille dachte nach. „Und wie geht das? Wie geht das >> alles gleichzeitig << ? Was heißt das? Was ist denn alles gleichzeitig? Und was ist mit dem Schwanz?“ Offenbar stießen wir an eine Gedanken- und Erfahrungsgrenze, die ich noch nicht ausreichend in Worte fassen und so Sille nicht erklären konnte. Also sagte ich: „Hmm.“ Meine Erfahrung mit der schwanzlosen Männlichkeit zeigte mir in der Körperdynamik, was Männlichkeit wirklich sein kann. Die Fixierung auf einen 17 cm langen Körperteil, der für Männlichkeit stehen soll, ist eine beleidigende Reduktion, die Männern und Frauen nicht gut getan hat.
Wonach ich mich sehnte, war die Ur-Dynamik, die in einem Fluss ist. Qualitäten, nicht Körperteile. Hingabe, Zärtlichkeit, Kontrolle, Führung, Festigkeit, Loslassen. Alles abwechselnd.
Mit Loveboi wurde ich wieder daran erinnert, wie viel durch die Körperbewegung ausgedrückt wurde, wie viel Energie in der Bedeutung steckt – und dass ich die zärtliche Männlichkeit vermisst hatte, nach der ich mich die ganze Zeit sehnte.
Wir flossen. Loveboi bewegte sich rhythmisch auf mir, unter mir, hinter mir und ließ mich so sein wie ich es in diesem Moment wollte. Mein ganzer Körper wurde berührt, der weibliche Teil meiner Seele gerufen und liebevoll, zart, wild, sehnsüchtig und phantasievoll genommen. Ich wurde wach, war wieder da, sah mich an, war stolz auf meine festen Nippel, meine runden Hüften, meine feuchte Lust. So kann es sich anfühlen, wenn ich mich einlasse. So viel Gefühl und Erweckung nur allein durch die Bereitschaft mich von einem gefahrlosen Loveboi ohne getriebenen Schwanz nehmen zu lassen. Ein Szenario frei von dem Gefühl, wieder bemächtigt werden zu können, nur weil ich körperlich unterlegen bin oder tausend Regeln auf mich prasseln, wie ich mich als Frau im Bett zu verhalten habe. Dieser Kontext war weg und ich war da.
Ich war noch nicht satt von mir und Loveboi, da musste ich in Kauf nehmen, dass Loveboi sich nicht festlegen wollte. Es erinnerte mich an mich selbst in meiner Jugend – da wollte ich niemandem gehören, wollte wie eine stolze Löwin durch die Welt gehen, frei, unabhängig und nie den erdrückenden Bedürfnissen anderer ausgeliefert. Ich verstand es, aber es tat weh. Vergänglichkeit tut weh, wenn man sich endlich traut, ihr ins Gesicht zu blicken.
Im Moment meiner größten Öffnung und meiner Bereitschaft, den Rest meines Lebens mit Loveboi zu verbringen – am liebsten aneinandergekettet – sagte sie mir, dass sie keine Beziehung will und dass sie in 3 Monaten sowieso für ein Jahr in die USA fliege.
Ich fand es unfair, vorher nichts davon gewusst zu haben. Ich fand es oll die Wartende zu sein – die in diesem Fall nicht einmal warten durfte.

Ich weinte.

Sille sagte, ich solle das Tolle sehen, nämlich, dass ich wieder offen bin, dass ich meine Weiblichkeit wiederentdeckt hatte, dass ich eine Milliarde mal attraktiver wäre als vorher, dass ich mich freuen sollte an dem, was ich erlebt hätte und nicht trauern über das, was ich nicht erlebt habe.
Sille ist immer so schlau.

Und Sille hatte einen jungen Kerl gefunden, der 16 Jahre jünger als sie war. Sie schwärmte und fühlte sich toll und genoss die sexuelle Aufmerksamkeit. Aber Tom, so hieß er, wollte ein Jahr nach Australien zum Surfen. Sie meinte, sie würde nach 6 Monaten hinfliegen, wissend, dass er bis dahin mit hundert anderen – und jüngeren – Frauen geschlafen haben wird. Klar mache ihr das was aus, aber gleichzeitig mag sie ihn und wie er zu ihr ist und also gäbe es keinen Grund, ihn in irgendwas pressen zu wollen, was langfristig zum Scheitern veruteilt wäre. Dann lieber so mit Tom als gar nicht. Sie meinte, das ganze Besitzen wäre sowieso die schlechteste aller Ideen gewesen und die Menschheit sähe ja täglich, was das gebracht hätte. (Ich vermute sie meinte damit Scheidungen, Unterdrückung von Sklaven, Frauen und Kindern und andere Situationen, in denen Lebewesen jemandem gehörten… bei ihrem Temperament konnte durchaus auch das Leid von Hunden inbegriffen sein. Sille fand es furchtbar, wenn Menschen ihre Hunde an der Leine führten oder ständig unklar daran zerrten. So ein Hund habe doch auch seine Bedürfnisse, seine Lebendigkeit!)

Sille und ich überlegten bei Cappuccino und Milchkaffee, ob ein anderes Beziehungszeitalter angebrochen sei. Zum Beispiel eins, in dem Sille und ich eine Art Partnerschaft haben, füreinander da sind und uns vertrauen, aber sexuelle Beziehungen mit anderen eingehen. Brauchte man das ganze Gedöns – Familie und so? War es ein Wunsch oder ein Modell, das Erfolg auf die Stirn schrieb?
Wir konnten endlos darüber sprechen. Immer wieder aufs Neue.

Eines wurde mir klar: die schöne Männlichkeit hält sich dort auf, wo auch die schöne Weiblichkeit ist. Ob wir das in uns oder in anderen finden, spielt keine Rolle, Hauptsache, wir wissen wieder, was das ist.

Maria und das Brot

Plötzlich wurde ihr die Langeweile bewusst, von der sie schon seit längerer Zeit auf Schritt und Tritt verfolgt wurde. Sie stand da, vor dem Regal mit verpackten, in makellose Scheiben geschnittenen Broten und all die gesunden Körner auf ihnen formten sich vor ihrem Auge zu einer unmissverständlichen Botschaft: hau ab!
Sollte sie nun dieses Brot, das sie gerade in der Hand hielt, mitnehmen, oder nicht? Vielleicht würde es ihr weitere Erkenntnisse seiner Brüder aus dem Regal zuflüstern, während sie beim Kofferpacken war? Sie nahm es mit. Eilte dann zur Kasse, verließ den Laden mit aufgeregtem Herzen, stieg in ihren kleinen Peugeot und fuhr nach Hause. Um diese Uhrzeit, 13 Uhr und 7 Minuten, war sowieso niemand zuhause. Die Kinder waren zur Schule und ihr Mann – ganz klassisch – im Büro.
Sie hatte etwa 4 Stunden Zeit, um alles für ihren Ausbruch vorzubereiten. Besser 2 Stunden, wenn sie sicher gehen wollte, dass ihr Mann sie mit seinem Auto nicht einholte. 2 Stunden, um ihr bisheriges Leben zu verlassen – das waren auf den Tag genau 11 Jahre, 2 Monate und 27 Tage.
Sie setzte sich kurz nieder, schloss die Augen, stellte sich vor, ihre Liebsten kämen nach Hause und fänden sie nirgendwo. Es wäre sehr ruhig, vielleicht etwas ungewöhnlich, aber man weiß ja nie, vielleicht hat sie sich in der kleinen französischen Provinz mit einer der zahlreich vorkommenden älteren Tratschtanten verquatscht?
Sie öffnete die Augen. Die Vorstellung, weg zu sein, verursachte ein aufgeregtes Kribbeln in ihrem Körper. Doch dann wurde sie ruhig und Klarheit legte sich über ihren Kopf. Sie wusste nun ganz genau, was zu tun war, was sie einpacken müsste, was sie noch erledigen sollte, um ungestört und vorbereitet zu flüchten.
Sie nahm also das kleine 2-Tage Reisetäschchen ihres Gatten zur Hand und packte ihre liebsten, schlabbrigen langen Röcke hinein, 2 um genau zu sein, den 3 zog sie sich an. Danach streifte sie sich ihr Unterhöschen ab . “Aah”, meinte sie, “so fühlt sich die Welt besser an”. Sie packte 5 ihrer Lieblingsträgerhemdchen und noch 2 Pullover ein, falls es dort, wo die Reise sie hintrüge, auch mal etwas kühler wäre.
Sie griff das Sparbuch der Kinder – sie hätten ohnehin eine gesicherte Schulausbildung mit den Ersparnissen ihres Mannes – und ihre auserwählten Fotos der verstorbenen Familienmitglieder, die sich in ihrem Leben reichlich gequält hatten und ihr jedes Mal als Vorbild dienten es irgendwann besser zu machen. Ihre Tagebücher, 2 Paar Schuhe, ihre Zahnbürste und eine halbleere Tube Zahnpasta, ihren Schmuck (nicht aus Eitelkeit, sondern weil sich auf Reisen sicher eine Gelegenheit bieten würde, diesen endlich zu verschärbeln), ihre Pinsel, die sie nie benutzt hatte und die flauschige Decke aus dem Wohnzimmer würden ihr bei der Reise Gesellschaft leisten dürfen.
Dann ging sie in die Küche, raubte alles Mitnehmbare aus dem Kühlschrank, füllte sich reichlich Wasser in einen großen Behälter und schrieb einen Zettel an ihre Familie: “Es ist Zeit, dass ich was von der Welt sehe. So egoistisch ihr das beurteilen mögt, ich komme in genau 5 Jahren wieder. Bis dahin seid anständig. Mama+Maria”.
Und nichts weiter.
Sie nahm, was sie mitnehmen musste, ging zu ihrem treuen Peugeot, befreite ihre glatt nach hinten zusammengebundenen Haare zu einem imposant und wild wirkenden Haarbüschel und stieg ins Auto. Aha, 3/4 voll, gut. Also noch nicht tanken. Sie nahm den Autoatlas zur Hand und fuhr mit dem rechten Zeigefinger über Deutschland, dann Polen bis nach Moskau. “Ja, Moskau, da verkaufe ich das Auto und den Schmuck. Und kaufe mir dann ein Ticket für die Transsibirische Eisenbahn und fahre geradeweg nach Peking.”
Das war ihr Traum. Seit 7 Jahren fuhr sie diese Strecke ab, immer und immer wieder. Die Landschaft, diese ewige Zugfahrt mit diesem typischen Geräusch der Zugräder auf den Schienen dada-dada, dada-dada… schreibend, fotografierend, mit anderen Reisenden über das Leben sinnierend, andere Kulturen… “Also gut, auf geht’s!”
Ihre alten Kassetten gehörten zum Auto dazu und sie hatte gute Laune. Sie fuhr los. Aufgeregt und zugleich wie eine ruhige, warme Kugel bewegte sie sich durch die Welt. 2 Stunden lang eilte die Landschaft an ihrem kleinen Auto vorbei bis sie unvermittelt bremste und mitten auf der Straße
stehenblieb. “Mist”, sagte sie, “ich habe etwas vergessen!”
Also machte sie kehrt und fuhr den ganzen Weg wieder zurück. Mittlerweile war es schon Abend, also musste sie damit rechnen, dass alle Zuhause auf sie warteten. Das gefiel ihr nicht besonders, aber sie trat trotzdem ins Haus.
Ihr Mann und ihre beiden Schützlinge saßen am Küchentisch, halb besorgt, aber doch wohl auf. “Na, Schatz, diesmal hat es ja eine Stunde länger gedauert als sonst”, ihr Mann sah sie spöttisch an, “Was war es denn diesmal?”
“Es ist immer dasselbe, das weißt du doch!”, entgegnete sie giftig. Wenigstens die Kinder waren nicht so abgeklärt und kamen zu ihr, umarmten ihre Taille. “Mami, wir wollen nicht, dass du gehst”, dann verschwanden sie rasch in ihrem Zimmer und vergnügten sich wie jeden Abend mit irgendwelchen Spielen.
“Maria, ich hab’ doch schon 1000 Mal gesagt, wenn du Urlaub willst oder ein Haustier oder irgendwas – das ist doch kein Problem! Ich kann dir das alles beschaffen!”
“Hmm”, zweifelte sie. “Ach Schatz, komm’ ich helfe dir beim Auspacken und dann essen wir was, hmm?”, meinte er für sie unverständlich gut gelaunt. “Ja”, sagte sie, und “ist gut”, sagte sie auch. “Na siehst du! Du willst doch gar nicht wirklich weg!”, meinte er bis zur Verrenkung einfühlsam. Dann verschwand er irgendwo und sie war kurz allein. In der Küche. Immer diese Küche! Er kam zurück, griff nach dem Brot, das sie gekauft hatte, und meinte kumpelhaft: “Hey, was hältst du von einem saftigen, gesunden Sandwich?” “Ja”, sagte sie und dachte: klar, Bruder, Sandwich ist ja auch das einzige, was du zubereiten kannst! SANDWICH – wie überaus beeindruckend!
Aber dann sah sie das Brot in seiner Hand und schrie “Nein! Nimm das andere, erst das alte!” “Was?! Aber das frische ist doch für Sandwich viel besser! Das alte kannst du doch für was anderes nehmen!” Aber sie riss ihm das Brot aus der Hand und fügt hinzu: “Es ist meins!”
Er sagte nun nichts mehr und nahm das alte Brot. Sie verschwand kurz, legte ihr Brot ins Auto, meinte streng “Du wartest hier” zu ihm und ging zurück ins Haus.
Sie aßen die Sandwichs, ohne auch nur ein Wort zu sprechen. Dann ging sie zu den Kindern, erzählte eine ihrer selbsterfundenen Geschichten, warf danach einen Blick auf ihren Göttergatten, der mittlerweile schnarchend im Sessel schlief und ging zum Auto. “Ich glaube, Brot ist zuverlässiger als Käse. Der letzte Käse gab sehr unklare Zeichen, Brot ist viel souveräner”, meinte sie halbflüsternd und hielt das Brot auf ihrem Schoß. Und fuhr los. Und diesmal fuhr sie wirklich. Und diesmal war sie in Moskau, dann im Zug, dann in Peking und dann hier und dort und am erstaunlichsten war, dass ihr Begleiter in all dieser Zeit nicht anfing zu schimmeln. Auf Brot ist eben Verlass.